Pflegegrad bei Depression und psychischen Erkrankungen
Psychisch bedingte Beeinträchtigungen werden im NBA oft unterschätzt — nicht, weil der MD-Gutachter "schlecht will", sondern wegen der Bewertungslogik. Hier erfahren Sie, warum das so ist, und wie Sie im Gutachtertermin konkret gegensteuern.
Kurzantwort
Modul 2/3 zählen nur einmal mit 15 %, Modul 4 (Selbstversorgung) wiegt 40 %.
Beispiel: Eine schwer depressiv Erkrankte mit stärkster kognitiver und psychischer Ausprägung erreicht nur 40.0 Punkte = PG2 — die PG3-Schwelle (47.5) wird knapp verfehlt.
Warum Psyche oft unterbewertet wird
Das Neue Begutachtungsassessment (NBA, § 15 SGB XI) teilt die Hilfebedarfe in sechs Module. Die kognitiven, kommunikativen und psychischen Problemlagen stecken in Modul 2 und 3 — und genau hier liegt der Knackpunkt:
- Aus Modul 2 und 3 zählt nur der höhere der beiden gewichteten Werte ein — die Module werden nicht addiert.
- Die gesamte kognitiv-psychische Dimension ist damit auf 15 % gedeckelt (maximal 15 von 100 Punkten).
- Daneben wiegt die Selbstversorgung (Modul 4) allein 40 %. Wer psychisch schwer beeinträchtigt ist, aber körperlich gut zurechtkommt, hat in Modul 4 (noch) kaum Punktabzug — und landet systematisch niedriger, als es die Alltagsrealität abbildet.
NBA-Module und ihre Gewichte
Exakt aus der NBA-Engine des Rechners (SSOT leistungen2026.ts):
| Modul | Offizielle Bezeichnung | Gewicht | Psychisch erfassbar? |
|---|---|---|---|
| 1 | Mobilität | 10 % | Antriebslosigkeit, motorische Verlangsamung, Sturzrisiko b. Psychopharmaka |
| 2 | kognitive und kommunikative Fähigkeiten | 15 % | Konzentration, Gedächtnis, Wortfindung, desorganisiertes Denken |
| 3 | Verhaltensweisen und psychische Problemlagen | 15 % | Antriebsverlust, innere Unruhe, Selbstgefährdung, Stimmungsschwankungen |
| 4 | Selbstversorgung | 40 % | Körperpflege, Ernährung, Kontinenz — bei vielen psych. Erkrankungen (noch) erhalten |
| 5 | Umgang mit Krankheit/Therapie | 20 % | Medikamenten-Adhärenz, Krankheitseinsicht, Überwachung der Therapie nötig |
| 6 | Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte | 15 % | Rückzug, Vereinsamung, Strukturverlust des Tages, verwahrloste Wohnumgebung |
Sonderregel: Aus Modul 2 und 3 fließt nur der höhere gewichtete Wert in die Gesamtpunktzahl ein. Maximaler Beitrag der kognitiv-psychischen Dimension: 15 von 100 Punkten.
Gerechnetes Beispiel
"Schwere Depression, körperlich fit" — Stufen je Modul, dann der gewichtete Beitrag:
| Modul | Stufe | Beitrag (gewichtet) |
|---|---|---|
| 1 (Mobilität) | 1 | 2.5 |
| 2/3 (max) | 4 | 15.0 |
| 4 (Selbstversorgung) | 1 | 10.0 |
| 5 (Krankheit/Therapie) | 1 | 5.0 |
| 6 (Alltag/sozial) | 2 | 7.5 |
| Σ | 40.0 → PG2 |
Die PG3-Schwelle liegt bei 47,5 Punkten — hier knapp verfehlt. Eine schwer depressiv erkrankte Person mit höchster Ausprägung in Modul 2/3 erreicht nur 40,0 Punkte = PG2, weil die psychische Dimension mit 15 % gedeckelt ist und Modul 4 (40 %) noch erhalten ist. Genau hier setzt die Argumentation im Gutachtertermin an.
Argumentationshilfen für den MD-Gutachtertermin
Konkrete, modulbezogene Formulierungshilfen — benennen Sie die Beeinträchtigung alltagsnah, nicht abstrakt.
Modul 2 — kognitive und kommunikative Fähigkeiten
Benennen Sie: Vergesslichkeit im Alltag (Termine, Einnahmezeitpunkte), Wortfindungsstörungen, Unfähigkeit, mehrstufige Handlungen zu planen (z. B. Rezepte, Behördengänge). Mitbringen: Tagebuch der Pflegeperson, ggf. Arztbriefe zur "verlangsamten Informationsverarbeitung".
Modul 3 — Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
Benennen Sie: Antriebslosigkeit als Alltagshandicap (kein Aufstehen, keine Haushaltsführung), innere Unruhe/Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen, Selbstgefährdungsgedanken. Wichtig: "Verhalten" ist hier nicht nur Aggression — auch Apathie/Rückzug zählt.
Modul 5 — Umgang mit Krankheit/Therapie
Benennen Sie: Medikamente werden nicht eigenständig eingenommen (vergessen/verwechselt), fehlende Krankheitseinsicht, Angehörige müssen Therapie/Einnahme überwachen. Das ist oft der Punkt, der PG2 → PG3 hebt, weil Modul 5 mit 20 % gewichtet ist.
Modul 6 — Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte
Benennen Sie: vollständiger sozialer Rückzug, verwahrloste Wohnung, fehlende Tagesstruktur, keine eigenständige Freizeitgestaltung mehr.
Gesprächsregel: Beschreiben Sie Beeinträchtigungen konkret und alltagsnah ("kann keine Einkaufsliste mehr schreiben", "steht an Werktagen nicht auf"), nicht abstrakt ("ist antriebslos"). Der Gutachter übersetzt das in Modul-Stufen — je greifbarer Ihr Beispiel, desto höher die eingetragene Stufe.
Nächster Schritt
Simulieren Sie die Bewertung selbst mit dem Pflegegrad-Rechner, legen Sie den Antrag frühzeitig formlos, und dokumentieren Sie den Alltag im Pflegetagebuch.
Bescheid zu niedrig? Dann direkt zum Widerspruch.