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Elternunterhalt und die 100.000-Euro-Grenze

Wann Kinder für die Pflegekosten ihrer Eltern zahlen müssen – und wann nicht.

Kurz beantwortet

Kinder zahlen für die Pflege ihrer Eltern nur, wenn ihr eigenes Gesamteinkommen (§ 16 SGB IV) über 100.000 Euro im Jahr liegt (Angehörigen-Entlastungsgesetz, seit 01.01.2020). Selbst dann bleiben mindestens 2.650 Euro monatlich plus 70 % des Einkommens darüber (BGH XII ZB 6/24). Das Eigenheim ist geschützt. Regress kommt erst nach Pflegekasse, Eltern und Sozialamt.

Die 100.000-Euro-Grenze gilt pro Kind. Sie bezieht sich auf das jährliche Gesamteinkommen (§ 16 SGB IV) des einzelnen Kindes – nicht auf das der Geschwister gemeinsam.
Kein automatischer Regress bis 100.000 Euro Gesamteinkommen im Jahr. Liegt Ihr Jahreseinkommen bei 100.000 Euro oder darunter, entfällt die Unterhaltspflicht gegenüber den Eltern vollständig – das Sozialamt darf in diesem Fall nicht auf Sie zugehen.
Wichtiger Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine individuelle Rechts- oder Sozialberatung. Das Ergebnis des Rechners ist eine unverbindliche Schätzung auf Basis Ihrer Selbsteinschätzung – den Pflegegrad stellt allein die Pflegekasse nach der offiziellen Begutachtung fest. Kostenlose, neutrale Beratung bieten die Pflegestützpunkte und die Pflegeberatung nach § 7a SGB XI.

Wann Kinder überhaupt zahlen müssen (§ 1601 ff. BGB)

Der Elternunterhalt ist eine Ausprägung der gesetzlichen Unterhaltspflicht (§ 1601 BGB). Kinder sind ihren bedürftigen Eltern zum Unterhalt verpflichtet – aber nur, wenn die Eltern ihren Lebensbedarf nicht aus eigenem Einkommen und Vermögen decken können und auch die Pflegekasse sowie das Sozialamt nicht (mehr) eintreten. Die Pflicht ist nachrangig: Sie greift erst ganz am Ende einer Zahlungskette (dazu unten mehr). Schon das Bürgerliche Gesetzbuch ordnet zudem, dass eigene Kinder und (Ex-)Ehegatten des Unterhaltspflichtigen im Rang vor den Eltern stehen (§ 1609 BGB).

Die 100.000-Euro-Grenze (Angehörigen-Entlastungsgesetz)

Mit dem Angehörigen-Entlastungsgesetz, das am 01.01.2020 in Kraft trat, hat der Gesetzgeber eine Freigrenze eingeführt: Kinder werden nur dann auf Elternunterhalt in Anspruch genommen, wenn ihr jährliches Gesamteinkommen (§ 16 SGB IV) mehr als 100.000 Euro beträgt (§ 94 Abs. 1a SGB XII). Damit sollte die große Mehrheit der Familien vom Regress der Sozialämter entlastet werden. Maßgeblich sind sämtliche Einkünfte im Sinne des Einkommensteuerrechts – nicht nur das Arbeitseinkommen, sondern z. B. auch Mieteinkünfte, Kapitalerträge und Renten.

Stand 2026-07-12: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die 100.000-Euro-Grenze kurzfristig angehoben oder abgeschafft wird (PNOG-Referentenentwurf 06/2026 betrifft die Leistungsstruktur der Pflegeversicherung, nicht diese zivilrechtliche Grenze).

Zahlungsreihenfolge: Wer zahlt zuerst?

Bevor ein Kind überhaupt in Betracht kommt, durchläuft die Finanzierung der Pflege eine feste Hierarchie. Das Sozialamt handelt nur subsidiär:

Zahlungsreihenfolge: wer zuerst für die Pflege zahlt
Reihenfolge Wer zahlt? Rechtsgrundlage Wann?
1 Pflegekasse SGB XI Bis zu den gesetzlichen Höchstbeträgen (Pflegegeld, Sachleistung, stationär)
2 Die Eltern selbst Eigenes Vermögen / Einkommen Bis dieses erschöpft ist
3 Sozialamt SGB XII (Hilfe zur Pflege) Bei Bedürftigkeit der Eltern
4 Kinder (Regress) § 1601 BGB i. V. m. § 94 SGB XII Nur bei > 100.000 € Gesamteinkommen und Leistungsfähigkeit des Kindes

Quelle Pflegekasse-Höchstbeträge (Stand 2026): Bundesministerium für Gesundheit (PDF) .

Selbstbehalt: Was dem Kind bleibt (BGH XII ZB 6/24)

Auch wenn ein Kind über der 100.000-Euro-Grenze liegt, muss es nicht sein gesamtes Einkommen abführen. Nach der Düsseldorfer Tabelle 2026 bleiben ihm mindestens 2.650 Euro monatlich (darin 1.000 Euro Warmmiete). Vom bereinigten Nettoeinkommen über diesem Betrag bleiben zusätzlich 70 % anrechnungsfrei. Das hat der Bundesgerichtshof im Beschluss vom 23.10.2024 (Az. XII ZB 6/24) gebilligt: Dem Kind dürfe ein über die Hälfte hinausgehender Anteil, etwa 70 %, belassen werden. Eine feste Obergrenze nennt der BGH nicht – der Selbstbehalt wächst mit dem Einkommen. Lebt ein Ehegatte im Haushalt, kommen für ihn 2.120 Euro hinzu. Der Mindestbetrag ist eine richterrechtliche Untergrenze, kein starrer Betrag: Er deckt den eigenen Lebensunterhalt des Kindes und wird vorrangig vor dem Elternunterhalt berücksichtigt.

Schonvermögen und Altersvorsorge

Beim Elternunterhalt ist nicht nur das laufende Einkommen maßgeblich, sondern auch das Vermögen. Der BGH hat klargestellt, dass das eigene Eigenheim unangetastet bleibt (BGH XII ZB 269/12). Auch sonstiges angemessenes Schonvermögen ist geschützt. Zudem darf das Kind 5 % seines Bruttoeinkommens über das gesamte Erwerbsleben hinweg für die eigene Altersvorsorge zurücklegen – dieser Betrag wird beim Elternunterhalt nicht angerechnet. Eigene Kinder und (Ex-)Ehegatten des Kindes gehen dem Elternunterhalt im Rang vor (§ 1609 BGB).

Rechenbeispiel (ohne Rechner)

Ein alleinstehendes Kind hat ein Gesamteinkommen von 130.000 Euro im Jahr, liegt also über der 100.000-Euro-Grenze. Maßgeblich für die Leistungsfähigkeit ist aber nicht der Betrag über der Grenze, sondern das gesamte bereinigte Nettoeinkommen – angenommen 5.650 Euro im Monat (nach Steuern, Sozialabgaben, Altersvorsorge und berufsbedingten Kosten).

  • Mindestselbstbehalt: 2.650 Euro
  • Einkommen darüber: 3.000 Euro, davon bleiben 70 % frei (2.100 Euro)
  • Selbstbehalt insgesamt: 4.750 Euro
  • Höchstens einsetzbar für Elternunterhalt: 900 Euro im Monat

Gezahlt wird nur, was die Eltern tatsächlich ungedeckt brauchen, und bei mehreren Geschwistern anteilig. Liegt das bereinigte Nettoeinkommen bei 2.650 Euro oder darunter, ist das Kind trotz Überschreitung der 100.000-Euro-Grenze nicht leistungsfähig und zahlt nichts.

Häufige Irrtümer

  • „Ich muss automatisch zahlen, sobald die Eltern im Heim sind.“ Falsch. Erst nach Pflegekasse, Eigenmitteln der Eltern und Sozialamt greift ein Kindesregress – und nur über der 100.000-Euro-Grenze.
  • „Die Grenze gilt für das Ehepaar gemeinsam.“ Falsch. Sie gilt pro Kind und bezieht sich auf das Gesamteinkommen (§ 16 SGB IV) des Einzelnen.
  • „Mein Haus ist weg, wenn ich zahlen muss.“ Falsch. Das Eigenheim ist nach BGH-Rechtsprechung geschütztes Schonvermögen.
  • „Der Selbstbehalt ist immer exakt 2.650 Euro.“ Falsch. 2.650 Euro ist nur der Mindestbetrag; zusätzlich bleiben 70 % des Einkommens darüber frei.

Quellen

  • V1 – Wikipedia: Elternunterhalt (100.000-Euro-Grenze, Angehörigen-Entlastungsgesetz, in Kraft 01.01.2020; Stand 2026-07-12).
  • V2 – anwalt.org: Elternunterhalt (Einkommensgrenze 100.000 Euro inkl. sonstiger Einkünfte; Stand 2026-07-12); Gesetzestext: § 94 Abs. 1a SGB XII.
  • V3 – Bundesgerichtshof: Pressemitteilung zum Beschluss vom 23.10.2024, XII ZB 6/24 (Mindestselbstbehalt, etwa 70 % des Mehreinkommens anrechnungsfrei); Düsseldorfer Tabelle und Leitlinien NRW 2026 (Nr. 21.3.3: mindestens 2.650 €, 70 % frei, Ehegatte 2.120 €); Stand 2026-10-08.
  • V4 – Wikipedia / BGH: Schonvermögen Eigenheim unangetastet, BGH XII ZB 269/12 (07.08.2013); 5 % Brutto Altersvorsorge; § 1609 BGB Rangvorrang.
  • V5 – anwalt.org / SGB XII: Zahlungsreihenfolge Pflegekasse → Eltern → Sozialamt → Kinder (Regress § 1601 BGB i. V. m. § 94 SGB XII); Stand 2026-07-12.
  • V6 – Bundesministerium für Gesundheit: Übersicht Leistungsbeträge 2026 (Pflegekasse-Höchstbeträge, SGB XI); PDF.

Häufige Fragen

Häufige Fragen

Muss ich als Kind automatisch für die Pflegekosten meiner Eltern zahlen?
Nein. Ein Regress des Sozialamts gegen Kinder setzt voraus, dass das eigene jährliche Gesamteinkommen (§ 16 SGB IV) über 100.000 Euro liegt (Angehörigen-Entlastungsgesetz, in Kraft seit 01.01.2020). Wer darunter bleibt, wird nicht herangezogen. Außerdem muss das Kind überhaupt leistungsfähig sein – nach Abzug des Selbstbehalts und geschütztem Vermögen bleibt oft nichts für den Unterhalt übrig.
Was genau bedeutet die 100.000-Euro-Grenze?
Die Grenze bezieht sich auf das jährliche Gesamteinkommen (§ 16 SGB IV) des einzelnen Kindes (§ 94 Abs. 1a SGB XII): die Summe der Einkünfte im Sinne des Einkommensteuerrechts vor Steuern, also z. B. Arbeitslohn nach Abzug der Werbungskosten, Mieteinkünfte und Kapitalerträge. Sie gilt pro Kind – Geschwister teilen sie nicht. Liegt das Jahreseinkommen bei 100.000 Euro oder darunter, entfällt die Unterhaltspflicht gegenüber den Eltern vollständig.
Wie hoch ist der Selbstbehalt, der mir als Kind bleibt?
Mindestens 2.650 Euro monatlich (Düsseldorfer Tabelle 2026, darin 1.000 Euro Wohnkosten). Zusätzlich bleiben 70 % des darüber liegenden bereinigten Nettoeinkommens unberücksichtigt – so der Bundesgerichtshof im Beschluss vom 23.10.2024 (Az. XII ZB 6/24). Für Elternunterhalt einsetzbar ist also höchstens der Rest, eine feste Obergrenze des Selbstbehalts gibt es nicht. Für einen Ehegatten im gemeinsamen Haushalt kommen 2.120 Euro hinzu.
Ist mein Eigenheim oder mein Erspartes beim Elternunterhalt gefährdet?
Nein. Das eigene Eigenheim bleibt unangetastet (BGH XII ZB 269/12). Auch angemessenes sonstiges Schonvermögen ist geschützt. Zudem darf das Kind 5 % seines Bruttoeinkommens über das gesamte Erwerbsleben hinweg für die eigene Altersvorsorge zurücklegen – dieser Betrag wird beim Elternunterhalt nicht angerechnet. Eigene Kinder und (Ex-)Ehegatten des Kindes gehen dem Elternunterhalt im Rang vor (§ 1609 BGB).
In welcher Reihenfolge wird bei Pflegekosten gezahlt?
Es gilt eine klare Hierarchie: (1) Pflegekasse zahlt bis zu den gesetzlichen Höchstbeträgen (SGB XI). (2) Die Eltern selbst haften mit ihrem eigenen Vermögen und Einkommen, bis dieses erschöpft ist. (3) Das Sozialamt springt über die Hilfe zur Pflege (SGB XII) ein, wenn die Eltern bedürftig sind. (4) Erst danach kann das Sozialamt Regress bei den Kindern nehmen (§ 1601 BGB i. V. m. § 94 SGB XII) – und nur bei Kindern über der 100.000-Euro-Grenze.
Was passiert, wenn das Sozialamt mich tatsächlich in Anspruch nimmt?
Das Sozialamt fordert zunächst Auskunft zu Ihren Einkommens- und Vermögensverhältnissen. Daraus wird Ihr leistungsfähiger Überschuss ermittelt: bereinigtes Nettoeinkommen abzüglich Selbstbehalt (mindestens 2.650 €/Monat, dazu 70 % des Einkommens darüber); geschütztes Vermögen bleibt außen vor. Nur dieser Überschuss fließt in den Elternunterhalt – und auch nur rückwirkend für die letzten 10 Jahre. Eine individuelle Beratung durch den Pflegestützpunkt oder einen Fachanwalt ist empfehlenswert.
Ändert sich die 100.000-Euro-Grenze in naher Zukunft?
Stand 2026-07-12 gibt es keinen Hinweis, dass die 100.000-Euro-Grenze kurzfristig angehoben oder abgeschafft wird. Die Pflegereform (PNOG, Referentenentwurf 06/2026) betrifft vorrangig die Leistungsstruktur der Pflegeversicherung, nicht die zivilrechtliche Unterhaltsgrenze des Angehörigen-Entlastungsgesetzes. Gesetzliche Änderungen sollten jeweils aktuell beim Bundesministerium der Justiz (BMJ) geprüft werden.
Wichtiger Hinweis: Diese Seite informiert allgemein und ersetzt keine individuelle Rechts- oder Sozialberatung. Das Ergebnis des Rechners ist eine unverbindliche Schätzung auf Basis Ihrer Selbsteinschätzung – den Pflegegrad stellt allein die Pflegekasse nach der offiziellen Begutachtung fest. Kostenlose, neutrale Beratung bieten die Pflegestützpunkte und die Pflegeberatung nach § 7a SGB XI.